Jahreslosung 2020: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9,24)

Predigt zu Markus 9,23-24

Von Dietrich Bonhoeffer

Markus 9, 23-24: Wenn du könntest glauben! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Ich glaube, lieber Herr; hilf meinem Unglauben!

Zu einem Menschen in einer menschlich gesehen hoffnungslosen Lage sagt Jesus dies – wenn du glauben könntest. Dann wäre alles anders in deinem Leben; dann stündest du nicht klein­mütig und verzagt hier; dann wüßtest du, es gibt für dich nichts Unmögliches mehr. Zu einem Vater, dessen Kind – menschlich geredet – unheilbar krank ist und der alles tun will, um sei­nem Sohn zu helfen und der doch machtlos dem Unheil zusehen muß. Alle erdenklichen Wege bis [hin] zu den Jüngern Jesu ist der Vater gegangen, bis ihm nur der eine Weg noch bleibt, ein Weg, vor dem ihm schaudert, ein Weg, vor dem jedem Menschen schaudert – wenn er ihn zum ersten Mal geht – der Weg zu Jesus.

Warum gehen wir denn alle anderen Wege immer lieber als diesen Weg zu Christus selbst, wenn etwas bei uns nicht stimmt? Warum vermeiden wir es, diesen Weg wirklich zu gehen? Warum schaudern wir vor diesem Weg zurück? Weil wir wissen, daß wir hier Antwort geben müssen auf eine große Frage und diese Frage heißt: Kannst du glauben? so glauben, daß dein ganzes Leben ein einziges großes Trauen und Wagen auf Gott geworden ist oder werden will, so glauben, daß du nicht rechts und links siehst, sondern auf Gott hin tust, was du tun mußt, so glauben, daß du Gott gehorchst? Kannst du glauben? Wenn du glauben könntest, ja, dann wäre die Hilfe schon da. Dann ist dir nichts mehr unmöglich.

Wie oft graust es uns dann vor unserer eigenen Glaubenslosigkeit. Ach, wenn ich nur glauben könnte! Am Krankenbett, am Totenbett, am Rand der Verzweiflung an mir und anderen schreit es förmlich in mir auf: ach, wenn ich nur glauben könnte! Aber wenn wir das Leben eines Menschen, der im Glauben lebte und starb, sehen dürfen, wie es mir in diesen Wochen ging, als ich eine ergreifende Darstellung des Lebens des heiligen Franziskus sehen durfte – da werden wir so restlos davon überzeugt, daß dies der einzige Weg wäre, den es der Mühe wert wäre zu gehen, so einfach danach leben, was Christus von uns wollte, unbekümmert um das, was für uns persönlich daraus wird – dann packt es uns unwiderstehlich an: Wenn ich nur glauben könnte – ja, dann wäre es wirklich alles in meinem Leben anders. Dann wäre ich frei, dann wäre ich vielleicht sogar irgendwie glücklich, dann gäbe es nichts Unmögliches mehr für mich. „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus“.

Wir glauben ja an allerlei, wir glauben sogar an viel zu viel –wir glauben an die Macht, wir glauben an uns selbst, wir glauben an andere Menschen, wir glauben an die Menschheit. Wir glauben an unser Volk, wir glauben an unsere Religionsgemeinschaft– wir glauben an neue Ideen – aber wir glauben über dem allem an den Einen nicht – an Gott. Und dieser Glaube an Gott würde uns nämlich den Glauben an alle die anderen Mächte nehmen, unmöglich machen. Wer an Gott glaubt, der glaubt in dieser Welt an nichts [anderes], denn er weiß, es zerbricht und vergeht, aber er braucht auch an nichts „anderes“ zu glauben, denn er hat ja den, von dem alles kommt und in dessen Hände alles fällt. Wir kennen die Siege, die ein Mensch erringt, der wirklich an sich selbst glaubt, der an irgendeine Macht oder Idee dieser Erde glaubt, so daß er sich ihr gänzlich ergibt und lebt, er vermag Übermenschliches, Unmögliches – wie viel größere Siege müßte erst der erringen, dessen Glaube nicht nur ein subjektives Phan­tom, sondern der lebendige Gott selbst ist! Die Wunder Jesu, die Wirkung Jesu, sie waren ja nichts als sein Glaube! Wir sollten die sein, die so glauben, und wie beschämt müssen wir auf unser Leben sehen angesichts dessen, was Menschen mit einem Glauben an diese Welt ge­schafft haben. Ach, wenn wir nur glauben könnten! – Warum können wir nicht glauben? Worin bestehen die Hindernisse? Es gibt darauf ebenso viele Antworten, wie es glaubenslose Menschen gibt. Bei einem soll es der Verstand, beim anderen mangelnde „religiöse Bega­bung“ sein, beim dritten schwere Erlebnisse seines Lebens, allgemeiner Pessimismus u. s. w. Es gibt genug Gründe, die wir vorschieben, mit denen wir uns entschuldigen können. Daran fehlt es dem Menschen nie, und wenn es ihm an allem anderen fehlte. Aber die einzig auf­richtige Antwort auf diese Frage heißt – weil wir im Grunde nicht glauben wollen. Ich weiß, wir sind beleidigt, wenn man uns das sagt, wir sagen, wir hätten es wohl hundertmal in unse­rem Leben versucht zu glauben, und wir wollten es wohl heute auch, aber mit uns sei es nun eben so besonders, daß wir wirklich einfach trotz bestem Willen nicht glauben könnten. Es ist nicht wahr, es ist Spiegelfechterei, dies alles, vielleicht uns subjektiv nicht bewußt, aber wahr ist es doch: In allen diesen verzweifelten und krampfhaften Versuchen [zu] glauben, wollten wir ihm gerade nicht glauben, das heißt eben, wir wollten das nicht, was aber zum Glauben zuallererst gehört, nämlich uns selbst gänzlich aufgeben, uns gar nicht mehr sehen, unseren Geltungsdrang völlig töten und Gott allein gelten lassen und ihm so trauen und es auf ihn wagen. Aufgeben, was uns unangenehm war, aber nicht, was uns lieb ist! Glauben heißt bedingungslos trauen und wagen, dies wollten wir nicht, wir wollten Bedingungen machen, und darum war alles andere verfehlt und unwahr. Wir wollten nicht glauben.

Und wenn nun einer kommt und mit frommen Argumenten beweisen will, daß es eben doch nach der Schrift solche gebe, die Gott dazu vorherbestimmt habe, daß sie nicht glauben könn­ten, sondern Gefäße zur Unehre sein sollten, so wollen wir antworten: Das ist wohl wahr, aber woher weißt du denn, daß du zu diesen gehörst? Wer hat dir das gesagt? Woher weißt du denn, daß es von dir nicht gerade Schuld ist, daß du dich weigerst zu glauben, wo Gott dich unaufhörlich ruft? Du willst glauben – nun gut, ist denn das nicht Ruf Gottes genug, daß [du] auch glauben sollst und auch glauben kannst, wenn du dich nur auf ihn verläßt? Wir wollen nicht glauben.

Aber Jesus sagt: Wenn du könntest glauben. Es liegt etwas Sehnsüchtiges und etwas unend­lich Mitleidvolles in diesem Ausruf. I Wenn du dich doch endlich entschlössest, den Schritt zu tun, den du dein ganzes Leben lang tun wolltest und doch nicht tatest, zu glauben; wenn du dich doch ausliefertest, ganz einfach und in allem ganz Persönlichen und ganz Konkreten, und Jesus über dich herrschen ließest.

Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Hier ist von einer unheilbaren Krankheit geredet, die durch den Glauben an die Kraft Gottes wirklich soll gebrochen werden können und gebro­chen wird. Wir stocken, wir machen Ausflüchte: suggestive Einflüsse, unbewußte Psychothe­rapie – Christus sagt –nein, dies alles nicht, sondern Glaube und Gott.

Alle Dinge – Menschen, die in geistigen Dingen zu Hause sind, wissen, daß nichts unmögli­cher erscheint, als ein geistiges Gesetz, einen geistigen Zwang, der über einem Menschen liegt, zu zerbrechen, den Menschen in eine andere Richtung zu bringen als bisher. Jesus sagt: Alle Dinge. Menschen, die ein geistliches Leben führen, wissen, daß wir völlig hoffnungslos gegen unsere Sünde, unsere Selbstsucht, unsere Schwäche ankämpfen, so lange wir uns auf uns selbst verlassen, daß nichts verzweifelter ist als der Kampf des Menschen gegen die Sün­de. –Jesus sagt – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Der härteste und verstockteste Sünder wird neu, wird frei von aller Angst, allem Krampf, aller bösen Gewohnheit, wo er nur glaubt, das heißt, wo er auf Gott sein Wagen und Trauen setzt. Der trübsinnigste Mensch wird fröhlich, der scheueste Mensch wird offen, der gleichgültigste und laueste Mensch wird erfüllt mit neuer Glut und [neuem] Leben, „wenn du nur glauben könntest“.

Alle Dinge sind möglich – Wir denken an so viele Stunden, in denen wir glaubensvoll zu Gott gebetet und gerufen haben, er möge uns helfen, wenn es sein Wille ist – und uns wurde nicht geholfen, jedenfalls nicht so, wie wir erbaten – alle Dinge – ist es auch wahr?

Heißt das nicht fast, daß der Glaube Gott zwingen kann? Ja, das heißt es in der Tat! Aber das ist ja das Unerhörte, daß Gott sich von unserem Glauben zwingen lassen will, nicht von unse­rem Klagen und Lamentieren und Sorgen und Seufzen – aber von unserem Glauben. Das scheint gotteslästerlich zu klingen –aber kann es das denn sein[?] Hat denn nicht jeder wirkli­che Glaube seine notwendige Grenze an Gottes Willen, heißt denn Glaube etwas anderes, als Gottes Willen Raum lassen wollen, über uns, über die Welt, und kann denn ein einziges Ding unmöglich sein, wenn es Gottes Wille ist? Und wissen wir nicht sehr wohl, was Gottes Wille über unser Leben wäre? Wissen wir nicht sehr wohl, was Gottes Wille über unser Volk, über unsere Kirche wäre? Wollen wir nicht endlich im Glauben wagen, Gottes Willen an uns ge­schehen zu lassen?

Du antwortest: ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben. Die Verheißung, die Jesus dem Glauben gegeben [hat], reißt den Vater über sich selbst hinaus, zwingt ihm den Glauben ab, Jesus selbst zwingt ihm den Glauben ab – ich glaube, lieber Herr, – ich glaube, was du sagst, ich glaube, daß dein Wort und dein Versprechen Wahrheit ist – ich glaube, wenn ich auf dich sehe, wenn ich die Worte höre und sehe – aber wenn ich auf mich selbst sehe – lieber Herr, hilf meinem Unglauben. Da stürmt es gegen mich, da sträubt sich alles in mir gegen solche Verheißung, Vernunft, Geschichte, Welt, Erfahrung. – Hilf meinem Unglauben.

Wir sind nach unserem Glauben gefragt. Wir sind dazu aufgerufen– ach, wenn du könntest glauben! Es ist uns die Verheißung zugesprochen: Alle Dinge sind möglich. – Können wir anders als im Blick auf solche Worte antworten: ich glaube, lieber Herr – und können wir anders, als im Blick auf unsere Natur zu beten – Herr, hilf meinem Unglauben. Aus diesem Zwiespalt kommt kein Mensch heraus. Glaubst du? Ich glaube, hilf meinem Unglauben, der täglich neu auch

[da]

ist. Wer will sagen, daß er glaubt, angesichts der Anfechtung, die er stündlich erfährt? Herr, wir wollen es auf dein Wort wagen – aber nicht unser Glaube macht es, sondern du allein. Nicht wir, nicht einmal unser Glaube, sondern du – dir ist kein Ding unmöglich. Herr, hilf meinem Unglauben! Amen.

Gehalten zwischen 1931 und 1935 in Berlin oder in London.