Schwarzbrot des Glaubens

Schwarzbrot des Glaubens – Reformation auch heute und immer wieder

„Ich aber konnte den gerechten, den Sünder strafenden Gott nicht lieben, hasste ihn vielmehr;

Denn obwohl ich als untadeliger Mönch lebte, fühlte ich mich vor Gott als Sünder und gar unruhig in meinem Gewissen und getraute mich nicht zu hoffen, dass ich durch meine Genugtuung versöhnt sei. Ich war voll Unmuts gegen Gott …

Da erbarmte sich Gott meiner. Unablässig sann ich Tag und Nacht, bis ich auf den Zusammenhang der Worte merkte, nämlich: ‚Die Gerechtigkeit Gottes wird im Evangelium offenbar, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt seines Glaubens.‘ Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als eine solche Gerechtigkeit zu begreifen, durch die ‚der Gerechte als durch Gottes Geschenk lebt‘, d.h. also ‚aus Glauben‘ und merkte, dass dies zu verstehen sei: ‚durch das Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbar‘, nämlich die sogenannte ‚passive‘, d.h. die, durch die uns Gott aus Gnaden und Barmherzigkeit rechtfertigt durch den Glauben, wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte lebt seines Glaubens.‘

Nun fühlte ich mich ganz und gar neu geboren; die Tore hatten sich mir aufgetan; ich war in das Paradies selber eingegangen. Da zeigt mir sogleich auch die ganze Heilige Schrift ein anderes Gesicht. Von daher durchlief ich die Schriften, wie ich sie im Gedächtnis hatte, und fand auch an anderen Stellen den gleichen Sinn, z.B. ‚Kraft Gottes‘: bedeutet: das Werk, das Gott wirkt, ‚Kraft Gottes‘: die Kraft, damit er uns kräftig macht, ‚Weisheit Gottes‘: die Weisheit, durch die er uns weise macht. Ebenso ist es mit ‚Stärke Gottes‘, ‚Heil Gottes‘, ‚Herrlichkeit Gottes‘. Wie ich zuvor das Wort ‚Gerechtigkeit Gottes‘ mit allem Hass hasste, so erhob ich nun mit heißer Liebe das gleiche Wort als Süß und lieblich über andere.

So wurde mir diese Stelle bei Paulus eine rechte Pforte zum Paradies.

(Luthers Vorrede zum ersten Band seiner lateinischen Schriften 1545 – WA 54, 185f.)

 

Am 31. Oktober erinnern wir an den Thesenanschlag Martin Luthers in Wittenberg und damit an die Bewegung, die in seiner Gestalt und Theologie einen Höhepunkt hatte. In seinem Bericht wird deutlich, dass Reformation ein Ringen ist, um rechte Erkenntnis, das rechte Hören auf Gottes Wort. Beeindruckend und ermutigend, wie Luther das gelingt! Lassen sie sich seine Worte auf der Zunge zergehen! Diese Leidenschaft! Anders als viele, die sich auch heute über die Welt und das Leben beschweren, nicht leichtfertig lamentieren, sondern glauben! Vertrauen auch im Widerstehen. Im Ringen. Im Lernen. Im Wechsel der Perspektive. „Statt zu klagen, dass wir nicht alles haben, was wir wollen, sollten wir lieber dankbar sein, dass wir nicht alles bekommen, was wir verdienen.“ (Dieter Hildebrandt) Sehschule des Glaubens: Diese Welt, in ihrer Unruhe, ihrer Friedlosigkeit, ihrer Anfechtung, in ihrer Verzweiflung neu zu entdecken, durch die Augen des Gekreuzigten neu zu entdecken. Von ihm und mit ihm erweckt zu neuem Leben, geschenkt, (allein) aus der Gnade, befreit von Schuld, hineingenommen ins Christusereignis, was für eine ermutigende Perspektive! Im Bann göttlicher Kraft erstrahlt die Welt in neuen Farben: jenseits des Todes, in der Zukunft, die Gott ermöglicht. Schon dort jetzt, wo geglaubt wird, gehofft und geliebt. Hier und anderswo!  Nicht nur (ein-)mal 500 Jahre später, sondern in alle Ewigkeit: Gott sei Dank!

Friedrich Prüfer

 

VON DER FREIHEIT EINES CHRISTENMENSCHEN

Aus dem allen ergibt sich die Folgerung, dass
ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt
sondern in Christus und seinem Nächsten; in
Christus durch den Glauben, im Nächsten
durch die Liebe. … Sieh, das ist die rechte,
geistliche und christliche Freiheit, die das Herz
frei macht von allen Sünden, Gesetzen und
Geboten, die alle Freiheit übertrifft wie der
Himmel die Erde. Das gebe uns Gott recht zu
verstehen und zu behalten. Amen.«
(letzter Artikel aus der Schrift: Von der Freiheit
eines Christenmenschen, Martin Luther, Wittenberg
1520)
Freiheit – dieses Sehnsuchtswort bestimmt
evangelisches Christsein von Anfang an und
von seinen Anfängen her.
Da ist die Gewissheit, dass Gott, der ferne Galaxien
schuf auch Wohnung nehmen kann in
mir, in dir, in jedem einzelnen Menschen.
Da ist die Gewissheit, dass Gott, der vor fernen
Zeiten sprach: »Es werde!« auch heute spricht,
zu mir, zu dir zu jedem einzelnen Menschen.
Da ist diese unergründliche Gewissheit, das
unbedingte Vertrauen, geborgen zu sein in
Gott. Diese Gewissheit wirkt, in dieser Gewissheit
lebt Gottes Geist. Und er macht Menschen
zu neuen Geschöpfen.
Als neue Geschöpfe einzutreten für Frieden
und Freiheit und Gerechtigkeit, dass bedeutet
für mich evangelisch sein.
Was auch immer im Himmel und auf Erden
geschieht, es hat nur befreiende Kraft, wenn
es im Vertrauen erfasst wird, dass Gottes
Macht verwandeln kann. Das bezeugt die
Bibel, die Heilige Schrift.
Freiheit ist nicht selbstverständlich, sie strengt
an. Gott offenbart sich einem murrenden Volk
Israel in der Wüste: »Ich bin JHWH, der Gott
der dich aus Ägypten aus der Sklaverei geführt
hat. Du sollst keine anderen Götter
haben neben mir!« (2.Mose 20,2) Ein Gott, der

nicht in die Freiheit führt, ist nicht der wahre
Gott! Gott offenbart sich als Grund der Freiheit.
Er möchte auch dich führen und leiten
zum Vertrauen, zum Glauben an IHN. Der
Glaube, den Gott schenkt, ist eine wunderbare
Kraft. Ein Senfkorn dieses Glauben kann
Berge versetzen (Mt 17, 20/Lk 17, 6). Durch
diesen Glauben haben alle Menschen Kontakt
mit Gott, unabhängig von Herkunft und
Schicht. Verlorene Menschen werden verwandelt
in Gottes Ebenbild, durch das Bild des unsichtbaren
Gottes: Jesus Christus.
Glaube an ihn bedeutet Hoffnung für diese
Welt. Diese bleibt nicht, wie sie ist, auch wenn
unsere Erfahrungen dem allzu oft entgegenstehen.
Durch Jesus Christus ist bezeugt:
Diese Welt bleibt nicht wie sie ist. Sie wird verwandelt.
Mitten in ihr beginnt eine neue Welt.
Wie kleine Kinder staunend, wie Neugeborene
torkelnd haben wir an dieser Welt teil,
dafür steht die Taufe. Die Tür zum Leben ist
offen, der Stein der Todesangst ist von unseren
Herzen weggewälzt: Befreit zur Liebe.
Diese Liebe erkennt im anderen Menschen
das Ebenbild Gottes. Diese Liebe befreit von
Vorurteilen, von Angst. Unglück und Leid machen
Angst. Angst versklavt. Gottes Liebe befreit.
Kreuz und Auferstehung bezeugen:
Unglück und Leid trennen nicht von Gott.
Auch wenn man meint, verlassen zu sein.
Glaube begründet Freiheit, begründet Kirche.
Gott will nicht durch Angst regieren, sondern
Menschen von ihr befreien. In seiner berühmten
Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen
macht Martin Luther das sehr deutlich:
Nur durch den Glauben, durch Gott sind wir
allen Dingen verbunden. Nur durch Gott
haben wir die Freiheit, die uns über alle Dinge
hinaushebt. Auch der Tod hat keine Macht
über uns.
Friedrich Prüfer