Andacht

Monatsspruch September:
Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit,
auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt;
nur dass der Mensch nicht ergründen kann
das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch
Ende. (Pred. 3,11)

Sonnengereifte Kürbisse auf den Altarstufen,
bunte Blumen, Erntekränze schmücken die
Kirche, in wenigen Tagen feiern wir wieder
Erntedank. Wie immer planen wir ein richtiges
Fest. An einem goldenen Herbsttag wird gefeiert
(hoffentlich), da wird getrunken und gegessen,
gute Musik erklingt, Freude und
Glück pur werden erlebbar. Der Prediger Salomo
dürfte zustimmen: „Gott hat alles schön
gemacht zu seiner Zeit“. So lese ich im Monatsspruch
und „Gott hat die Ewigkeit ins
Menschenherz gelegt.“ Das klingt sehr berührend
und ermutigend. Offenbar hat Gott Mittel
und Wege Welt zu gestalten, d.h. immer wieder
Menschen zu berühren! Aber was ist da
gemeint? Wie ist das zu verstehen? Die Experten
rätseln. Martin Luther übersetzt im
Jahr 1545: „Er läst ihr Herz sich ängstigen, wie
es gehen solle in der Welt.“ Ich werde nachdenklich.
Das kenne ich. Im Überschwang erwarteter
Freude auf unser Erntedankfest hätte
ich fast die Trockenheit vergessen. Wieviel
Tage waren ohne Regen, ohne Erfrischung
für Leib und Seele? Nicht zu vergessen die
Trockenheit der Seele, die Menschen auszehrt,
sie die dunklen Tage des Herbstes
fürchten lässt, wenn das Leben eingehüllt ist
in zähen Nebel, einen die klamme, trostlose
Kälte frösteln lässt. Abschottung ist angesagt,
Resignation, vielleicht Trauer, aber wenig Mitgefühl,
eher Wut und Zorn. Und Dankbarkeit?
Dank an Gott? Was bringt mich ins Weite?
Lässt mich wieder feiern und fröhlich sein?
Angst ist natürlich, sie hilft vermeintlicher Bedrohungen
zu begegnen. Schlimm ist es,
wenn die ganze Welt nur noch Bedrohung ist,
das Nichtwissen nur noch Angst macht, das
Gottvertrauen fehlt, die Seele vertrocknet ist!
Auf der Suche nach Sinn und Halt hören wir
im Buch des Predigers eine überaus kritische
Sicht auf Leben und Zeit. Der Prediger
scheint weniger von einem festen Glauben
getragen, als von der Erfahrung des Zerbrechens
aller Sicherheiten. „Welcher Gewinn
bleibt denen, die etwas tun, von ihrer Mühe?“
So fragt er (Pred 1, 3). Doch so sehr er sich
den Kopf zerbricht, er zerbricht nicht im
Leben. Er gibt sich nicht auf – Ganz im Gegenteil:
„Ich habe erkannt, dass es nichts
Gutes bei ihnen gibt, außer dass sie sich
freuen und Gutes tun in ihrem Leben.“ „Ja, wo
immer Menschen essen und trinken, Gutes
wahrnehmen in allem, womit sie sich abmühen,
ist das ein Geschenk Gottes.“ (Pred 3,9-
13 ) Das ist wie ein Sprung ins Leben.
Zwischen endlicher irdischer Zeit und Gottes
Ewigkeit, gibt es immer wieder „den“ unbeschreiblichen
Moment, „den“ unfassbaren Augenblick,
in dem sich Gott den Menschen
erschließt. Wie ein „Jesus-Moment“, der Augenblick
unfassbaren Glückes, an dem Endlichkeit
sich verbindet mit dem Geschmack
der Ewigkeit. In sprachlosem Erstaunen erfährt
der jeweilige Mensch, was jetzt dran ist.
„Ich bin ein glückliches Menschenkind, dem
aus wunderbaren milden Händen ein roter,
reifer Apfel nach dem anderen zugerollt wird.
Und ich empfange einen jeden neuen wie ein
Wunder vom lieben Himmel und seufze
schier vor Glück.“ So schreibt Paula Becker
am 08.02.1901 an Rainer Maria Rilke. In aller
Not, haben wir doch immer wieder Grund
genug, uns am Leben zu erfreuen und Gutes
zu tun.
In diesem Sinne lassen Sie sich einladen, feiern
Sie getrost mit Erntedank!
Im Namen aller Mitarbeiter,
Ihr Pfarrer Friedrich Prüfer